Was eine Erwerbsunfähigkeitsversicherung ist
Eine Erwerbsunfähigkeitsversicherung zahlt Ihnen eine monatliche Rente, wenn Sie aus gesundheitlichen Gründen praktisch keiner Tätigkeit mehr nachgehen können — üblicherweise gemessen daran, ob Sie noch mindestens drei Stunden täglich arbeiten könnten. Nicht in Ihrem Beruf. In irgendeinem Beruf.
Dieser eine Halbsatz ist der ganze Unterschied zur Berufsunfähigkeitsversicherung, und er entscheidet im Leistungsfall über alles.
Der Unterschied an einem Beispiel
Ein Dachdecker, 42 Jahre alt, bekommt einen Bandscheibenvorfall. Aufs Dach kommt er nicht mehr.
| Berufsunfähigkeitsversicherung | Erwerbsunfähigkeitsversicherung | |
|---|---|---|
| Maßstab | der zuletzt ausgeübte Beruf | jede Tätigkeit auf dem Arbeitsmarkt |
| Leistet, wenn | der Beruf zu mind. 50 % nicht mehr geht | fast nichts mehr geht (meist unter 3 Std./Tag) |
| In diesem Fall | zahlt | zahlt nicht — Telefondienst im Sitzen wäre denkbar |
| Beitrag | höher | deutlich niedriger |
Das liest sich wie ein Argument gegen die Erwerbsunfähigkeitsversicherung, und für diesen Dachdecker ist es das auch — wenn er eine BU bekommen kann. Genau da beginnt das eigentliche Problem.
Warum es diese Versicherung überhaupt gibt
Für körperlich fordernde Berufe ist eine Berufsunfähigkeitsversicherung oft sehr teuer oder gar nicht zu bekommen. Versicherer stufen Berufe in Risikogruppen ein, und Dachdecker, Pflegekräfte, Gerüstbauer oder Köche stehen dort nicht oben. Dazu kommen Vorerkrankungen: Ein Rückenleiden in der Akte kann zu einem Ausschluss führen, ein psychotherapeutischer Behandlungsverlauf zur Ablehnung.
Und dann steht die Frage anders im Raum. Sie lautet nicht mehr „BU oder EU". Sie lautet:
Erwerbsunfähigkeitsversicherung — oder gar nichts.
Ein Schutz, der nur in den schwersten Fällen greift, ist immer noch unendlich viel mehr als kein Schutz. Wer in diesem Punkt kompromisslos argumentiert, lässt Menschen ungeschützt zurück, weil ihnen das Beste nicht zugänglich war.
Was der Staat leistet — und was nicht
Bevor es um einen Vertrag geht, gehört die staatliche Seite auf den Tisch. Sie ist der Grund, warum überhaupt eine Lücke besteht.
- Die volle Erwerbsminderungsrente liegt im Bestand bei rund 1.040 Euro Zahlbetrag (Deutsche Rentenversicherung, Stand 31.12.2024) — nach Kranken- und Pflegeversicherung, vor Steuern. Sie greift erst, wenn Sie weniger als drei Stunden täglich arbeiten können.
- Zwischen drei und sechs Stunden gibt es zunächst nur die halbe Rente. Gilt der Teilzeitarbeitsmarkt für Sie als verschlossen — weder Rentenversicherung noch Arbeitsagentur können binnen eines Jahres eine geeignete Stelle anbieten —, wird sie zur vollen Rente aufgestockt (Arbeitsmarktrente, ständige Rechtsprechung des Bundessozialgerichts).
- Wer ab dem 2. Januar 1961 geboren ist, hat keinen Anspruch mehr auf die frühere staatliche Berufsunfähigkeitsrente. Für diese Jahrgänge existiert nur noch die Erwerbsminderung.
Rechnen Sie das gegen Ihre Fixkosten. Eine Rate von 1.400 Euro plus Nebenkosten plus Lebenshaltung gegen rund 1.040 Euro — das ist keine Versorgungslücke, das ist eine Versorgungsleere. Wie groß sie bei Ihnen konkret ausfällt, rechnet der Absicherungslücken-Rechner in wenigen Minuten aus, vollständig im Browser.
Die Reihenfolge, die ich einhalte
Es gibt eine Reihenfolge, und sie ist nicht verhandelbar:
- Zuerst prüfen, ob eine Berufsunfähigkeitsversicherung erreichbar ist. Auch dann, wenn der Beruf als schwierig gilt — die Einstufungen unterscheiden sich zwischen Anbietern erheblich, und eine anonyme Risikovoranfrage kostet nichts und hinterlässt keine Spur in Ihrer Akte.
- Erst wenn das ausscheidet, über die Erwerbsunfähigkeit sprechen. Nicht davor.
Der Grund ist ein technischer, und er wird oft übersehen: Ein späterer Wechsel von EU auf BU geht praktisch nur über einen neuen Vertrag mit neuer Gesundheitsprüfung. Die fällt mit jedem Jahr und jeder Diagnose schlechter aus. Wer heute die einfachere Variante nimmt, weil es schneller geht, verschenkt möglicherweise die einzige Gelegenheit, den stärkeren Schutz zu bekommen.
Deshalb steht auf dieser Seite an erster Stelle der Verweis auf die Berufsunfähigkeitsversicherung — und nicht das Produkt, um das es hier geht.
Woran ein Vertrag im Ernstfall scheitert
Wenn die Erwerbsunfähigkeit der Weg ist, entscheiden drei Punkte darüber, ob der Vertrag später trägt.
1. Die Stundenschwelle und ihre Definition. Üblich sind drei Stunden täglich auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt; manche Verträge setzen die Latte höher. Prüfen Sie außerdem, ob der Vertrag der Definition der gesetzlichen Rentenversicherung folgt oder eine eigene verwendet — eine eigene kann enger sein.
Ein Hinweis, weil das oft durcheinandergeht: Den Verzicht auf die abstrakte Verweisung gibt es hier nicht zu holen. Bei der Erwerbsunfähigkeit ist die abstrakte Betrachtung der Maßstab — genau das unterscheidet sie von der Berufsunfähigkeit. Wer nach dieser Klausel sucht, sucht ein BU-Merkmal. Wenn sie Ihnen wichtig ist, ist die Berufsunfähigkeitsversicherung Ihr Produkt, nicht diese Seite.
2. Die Nachversicherungsgarantie. Ihr Bedarf ändert sich: Gehalt steigt, Kinder kommen, eine Immobilie wird finanziert. Eine gute Nachversicherungsgarantie erlaubt es, die Rente bei solchen Anlässen ohne erneute Gesundheitsprüfung zu erhöhen. Ohne sie ist Ihr Vertrag auf dem Stand des Abschlusstags eingefroren.
3. Die Leistungsdauer. Läuft die Rente bis zum regulären Renteneintritt — oder endet sie mit 60 oder 63? Verträge, die früher enden, sind billiger und lassen ausgerechnet die Jahre offen, in denen das Risiko am höchsten ist.
Erst danach lohnt der Blick auf den Beitrag. Ein Vertrag, der im Leistungsfall nicht greift, ist zu jedem Preis zu teuer.
Wie hoch die Rente sein sollte
Als Ausgangspunkt gilt: Die Rente sollte Ihre laufenden Fixkosten decken, nicht Ihr komplettes Nettoeinkommen. Fixkosten heißt: Miete oder Kreditrate, Nebenkosten, Versicherungen, Lebensmittel, Mobilität — alles, was auch dann weiterläuft, wenn das Gehalt ausfällt.
Zwei Korrekturen kommen dazu:
- Was gesetzlich noch fließt, dürfen Sie abziehen — aber vorsichtig. Die Erwerbsminderungsrente ist an Bedingungen geknüpft, die im Ernstfall geprüft werden. Wer sie voll einrechnet, plant knapp.
- Ein Partnereinkommen entlastet, verschwindet aber nicht selten mit, weil Pflege und Betreuung Zeit kosten.
Was am Ende stehen bleibt, ist Ihre Zielrente. Alles andere — Laufzeit, Dynamik, Bausteine — folgt daraus.
Wann ich abrate
Wenn eine Berufsunfähigkeitsversicherung erreichbar ist. Dann ist die Erwerbsunfähigkeit die schwächere Wahl, und ich sage das, auch wenn der andere Abschluss schneller zustande käme.
Wenn der Beitrag das Budget so belastet, dass er nicht durchgehalten wird. Ein Vertrag, der nach vier Jahren gekündigt wird, hat nur Geld gekostet. Dann lieber eine kleinere Rente, die bleibt.
Wenn existenziellere Lücken offen sind. Wer Kinder hat und keinerlei Todesfallabsicherung, sollte dort zuerst hinsehen — dazu steht mehr unter Absicherung.
Wie ich vorgehe
Zuerst die Zahl: Welche monatliche Rente brauchen Sie, damit die Fixkosten gedeckt sind? Dann die Frage der Erreichbarkeit — anonyme Risikovoranfrage für die Berufsunfähigkeit, ohne Spur in Ihrer Akte. Erst wenn dieser Weg versperrt ist, sprechen wir über die Erwerbsunfähigkeit, und dann über Bedingungen statt über Beiträge.
Was ich dabei offenlege: dass ich diese Verträge vermittle und dafür Provision erhalte. Und dass ich Ihnen von einem Abschluss abrate, wenn der bessere Weg noch offen steht.